Formen der Sucht

Bei der Alkoholsucht gibt es eine Besonderheit, denn hier bestehen sowohl stoffliche als auch psychische Abhängigkeiten. Die psychische Abhängigkeit kann durch spezielle Therapien überwunden werden. Die stoffliche Abhängigkeit besteht ein Leben lang, was heißt, dass selbst der kleinste Tropfen Alkohol den Suchtkreislauf erneut in Gang setzen kann.

Was den Alkohol als Droge so gefährlich macht, ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Hinzu kommt, dass auch viele Lebensmittel und Medikamente die suchtauslösende Droge enthalten, was eine komplette Vermeidung des Kontakts nach einem Entzug ziemlich schwierig macht.

 

Die erste Stufe: der Gelegenheitstrinker

Der Einstieg in die Alkoholsucht erfolgt in der Regel schleichend. Jugendliche sind besonders gefährdet, weil sie häufig in der Gruppe feiern. Wer nicht als Außenseiter gelten will, unterwirft sich den Gruppenzwängen. Leider ist es eine traurige Tatsache, dass Besäufnisse in den Gruppen auch als Aufnahmerituale und Mutproben praktiziert werden.

Auch die in vielen Diskotheken angebotenen Trink-Flatrates erhöhen das Risiko einer Alkoholabhängigkeit. Kritisch ist hier auch zu betrachten, dass die Auswirkungen vieler Mixgetränke verharmlost werden. Dazu zählen beispielsweise Radler und Diesel. Damit setzt eine Gewöhnung an den Alkohol ein, die nicht selten in einer Abhängigkeit endet.

Die recht geringen Mengen von Alkohol in dieser Art Mixgetränke führt leider auch selten zu einem Kater, der mit seinen unangenehmen Symptomen die Betroffenen vom weiteren Trinken abhalten könnte.

Das gefährliche Pendant: der Problemtrinker

Oft ist der in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts herrschende Leistungsdruck für die Entstehung der Alkoholsucht verantwortlich. Viele Menschen können nach der Arbeit nicht mehr abschalten und benutzen denAlkohol als gefährliches Hilfsmittel der Entspannung.

Auf diese Weise wird aus dem gelegentlichen Genuss schnell eine unverzichtbare Gewohnheit. Auch Mobbing kann zum Auslöser einer Alkoholsucht werden. Betroffene fallen dadurch auf, dass sie beispielsweise bevorzugt am Sonntag trinken, um nicht an den bevorstehenden Wochenbeginn und die erneute Begegnung mit ihren Peinigern denken zu müssen. Zum Ende der Arbeitswoche bleiben sie meistens nüchtern und sind für eine gezielte Intervention zugänglich.

Die zweite Stufe: die Verleugnung der Alkoholsucht

Gelegenheitstrinker und Problemtrinker geben in der Anfangsphase häufig offen zu, dass sie hin und wieder zur Flasche greifen. Ist die Schwelle zu echten Sucht überschritten, folgt eine Phase der Verleugnung. Die Betroffenen verstecken ihren Alkohol. Werden sie darauf angesprochen, spielen sie ihren Alkoholkonsum herunter und behaupten, alles im Griff zu haben, obwohl das längst nicht mehr der Fall ist.

Die Verleugnungsphase einer Alkoholsucht ist nahezu immer von ersten wirtschaftlichen und familiären Schwierigkeiten sowie deutlichen Einbußen der Leistungsfähigkeit gekennzeichnet. Auch wenn die Betroffenen es nicht zugeben, empfinden sie sich selbst in dieser Phase als Versager, weshalb Interventionen in dieser Zeit sehr schwierig sind.

Die dritte Stufe: der Weg zum Pegeltrinker

In dieser Phase der Alkoholsucht sind die Betroffenen sehr leicht zu erkennen, da bei ihnen ein ständiges Wechselspiel zwischen Suchtbefriedigung und Entzug stattfindet. Daraus ergeben sich signifikante Veränderungen des von ihnen gewohnten Verhaltens. Wird der „Normalpegel“ unterschritten, sind die Alkoholsüchtigen gereizt. Viele Angehörige berichten, dass in dieser Zeit regelrechte hysterische Anfälle auftreten. Die meisten Fälle von häuslicher Gewalt finden in den Phasen des Zwangsentzugs aus wirtschaftlichen Gründen statt. Hat ein Alkoholsüchtiger eine ausreichende Menge seiner Droge zur Verfügung, ist er in aller Regel friedlich oder zeigt nur die Enthemmung des „normalen“ Betrunkenen.

Die letzte Phase: der soziale Abstieg

Die überwiegende Mehrheit der Pegeltrinker zeigt Gleichgültigkeit gegenüber allen Anforderungen. Der Verlust des Arbeitsplatzes durch die mangelhafte Leistung wird billigend in Kauf genommen. Mahnungen für überfällige Zahlungen fliegen ungeöffnet in einen Schubkasten. Die Körperhygiene wird zunehmend vernachlässigt. Außerdem entwickeln Alkoholiker in der Endphase der Sucht ein Messie-Verhalten.

Pegeltrinker stoßen ihre Angehörigen mit unhaltbaren Vorwürfen ab, reden ihnen aber andererseits Schuldgefühle ein, indem sie die Symptome ihrer fortgeschrittenen Alkoholsucht als unheilbare Krankheiten deklarieren.

Auf diese Weise versuchen sie, ihre Angehörigen zur weiteren Hilfe zu bewegen. Die meisten Angehörigen lassen sich darauf ein und geraten so in einen Kreislauf, der in der Fachsprache der Psychologen als Co-Abhängigkeit bezeichnet wird.

Wie und wann ist bei der Alkoholsucht eine Intervention möglich?

Ein Alkoholiker wirkt wie eine gespaltene Persönlichkeit. Er hat gute und schlechte Zeiten, die davon bestimmt werden, ob das Suchtmittel verfügbar ist oder nicht. Viele Angehörige machen „um des lieben Friedens Willen“ denFehler, dem Alkoholiker alle Probleme aus dem Weg zu räumen und ihm die Sucht zu finanzieren.

Sie sollten wissen, dass Alkohol sehr stur macht. Eine wirksame Intervention ist nur dann möglich, wenn der Süchtige „mit dem Rücken an der Wand“ steht. Statt die Mietschulden für den Alkoholiker zu bezahlen, sollten es Angehörige auf die Kündigung ankommen lassen. Die drohende Obdachlosigkeit könnte eine wirksame Begründung für eine längerfristige Unterbringung in einer Entzugsklinik sein.

Angehörige sollten keine Verantwortung für einen Alkoholiker übernehmen!

Wer darüber nachdenkt, für den Alkoholiker eine Betreuung anzuregen, sollte sich als Angehöriger nicht selbst als Betreuer anbieten, sondern um die Beiziehung eines professionellen Betreuers bitten. Trotz des vernebelten Kopfes ist einem Alkoholiker nämlich klar, dass er mit einer Amtsperson nicht so diskutieren kann wie mit seinen Familienmitgliedern.

Bei einem Angehörigen als Betreuer würde er es mit steter Regelmäßigkeit mit emotionalem Druck versuchen, was bei einem amtlichen Betreuer aufgrund der fehlenden Bindung nicht funktioniert. Dieseextreme und zerstörerische Belastung der emotionalen Erpressung sollte man sich als Angehöriger besser ersparen.