Entstehung einer Alkoholabhängigkeit

Die wichtigste Beschreibung der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit stammt von dem amerikanischen Physiologen Elvin Morton Jellinek. Er fokussierte sich nach seinem Studium an den Universitäten Berlin, Grenoble und Leipzig bei seiner Tätigkeit an der Yale-Universität und der Standford-Universität auf die Erforschung der Alkoholkrankheit. Dabei pflegte er eine enge Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation. Elvin Morton Jellinek ist es auch zu verdanken, dass Alkoholismus eine anerkannte Krankheit ist.

Wie beschreibt Jellinek die Entstehung der Sucht?

Jellinek teilt den Verlauf einer Alkoholkrankheit in vier Stufen ein. Sie umfassen die symptomatische Phase, die Prodomalphase, die kritische Phase und chronische Phase. Dieses Modell wird heute von der überwiegenden Mehrheit der Mediziner angewendet. In der symptomatischen Phase sucht der Betroffene Gelegenheiten, bei denen er in Gesellschaft trinken kann.

Die vom Alkohol ausgelösten positiven Empfindungen schreibt er der Gesellschaft zu und bringt sie nicht mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung. In dieser Phase zeigt der Betroffene noch keine Auffälligkeiten, entwickelt aber bereits eine Alkoholtoleranz.

Was kennzeichnet die Prodomalphase nach Jellinek?

In der Prodominalphase entstehen psychische und physische Abhängigkeiten. Der Betroffene realisiert erstmals, dass sein Trinkverhalten von der Norm abweicht. Die Konsequenz ist, dass heimlich getrunken wird. Außerdem setzt ein Vermeidungsverhalten ein. Das bezieht sich einerseits auf jegliche Gespräche über den Alkohol. Andererseits meidet der Betroffene sämtliche Situationen, in denen er nicht trinken kann. Das heißt, dass zu den Kennzeichen der Prodomalphase auch ein beginnender sozialer Rückzug gehört.

Außerdem zeigen sich in dieser Phase der Entstehung einer Alkoholsucht die ersten Probleme bei den Gedächtnisfunktionen.

Welche Merkmale hat nach Jellinek die kritische Phase?

Das Hauptmerkmal der kritischen Phase ist der Kontrollverlust. Schon die geringste Menge Alkohol löst ein nicht mehr beherrschbares Verlangen nach größeren Mengen aus. Dennoch können auch in der kritischen Phaselängere Zeiten einer Abstinenz auftreten, die sich für eine Intervention am besten eignen. Außerdem treten starke Stimmungsschwankungen auf, die in den Entzugsphasen mit Aggressionen einhergehen können. Für die Aggressionen und das Trinken werden Ausreden gesucht. Die kritische Phase der Alkoholkrankheit ist darüber hinaus von massiven Konflikten in der Familie und der Entstehung erster Co-Abhängigkeiten gekennzeichnet. Der Betroffene verliert das Interesse an seinen Hobbys. Er beschuldigt sein Umfeld, seine Probleme verursacht zu haben.

Er belügt sich selbst und sein soziales Umfeld, bettelt aber gleichzeitig um Zuwendung. Der soziale Rückzug nimmt in der kritischen Phase krankhafte Züge an.

Die chronische Phase ist die Endphase der Alkoholkrankheit

In der Endphase, die Jellinek als chronische Phase bezeichnet, ist das Selbstbewusstsein eines Alkoholikers am Nullpunkt angekommen. Die Betroffenen betrinken sich nun ganz offen, ohne Rücksicht auf ihre Familie, ihren Ruf oder ihren Job zu nehmen. Sie tun sich mit „Gleichgesinnten“ zusammen und haben keine Scheu mehr, auch in der Öffentlichkeit zu trinken. Das gesamte Leben ist auf die Befriedigung der Sucht ausgerichtet. Dabei wird „ohne Rücksicht auf Verluste“ alles getrunken, was Alkohol enthält, wenn am Ende des Monats das Geld für Spirituosen aus dem Supermarkt nicht mehr reicht. Viele Alkoholiker landen in der chronischen Phase in der Obdachlosigkeit, weil sie ihr komplettes Geld zur Befriedigung der Sucht und zur Bekämpfung der Symptome des Entzugs ausgeben.

Vor allem in den Phasen des durch Geldmangel bedingten Entzugs besteht ein erhöhtes Suizidrisiko.

Welche biologischen Aspekte liegen der Entstehung der Alkoholsucht zugrunde?

Dass der Alkohol eine psychische und stoffliche Abhängigkeit verursacht, liegt an seiner Wirkung auf die GABA-Rezeptoren und NMDA-Rezeptoren im menschlichen Gehirn. Dadurch bewirkt Alkoholgenuss zugleich eine Entspannung und Angstlösung. Außerdem verändert Alkohol die Ausschüttung von Endorphinen sowie von Dopamin. Deren Konzentration im Stoffwechsel wird binnen kurzer Zeit spürbar erhöht.

Endorphine wirken wie ein Opiat und reduzieren die Schmerzwahrnehmung. Je mehr Endorphine im Körper zirkulieren, desto mehr wird die Produktion von Dopamin angeregt. Dopamin zählt zu den sogenannten „Glückshormonen“, weil dieser Neurotransmitter eine Steigerung des Antriebs und der Motivation bewirkt.

Welche Rolle spielen die NMDA-Rezeptoren bei der stofflichen Abhängigkeit?

Die NMDA-Rezeptoren werden durch den Alkohol gehemmt. Weil sie im menschlichen Gehirn für die Reizverarbeitung zuständig sind, erhöht sich durch den Alkohol die Schwelle der Reizwahrnehmung. Das geschieht durch das Blockieren der Calcium-Ionen, die für die Reizübertragung verantwortlich sind. Allerdings entwickeln die NMDA-Rezeptoren im Laufe der Zeit eine Toleranz. Daraus leiten sich wiederum die ständig größer werdenden Mengen von Alkohol zum Erreichen eines Entspannungszustands ab.

Gleichzeitig bewirken die NMDA-Rezeptoren durch die alkoholpegelbedingten Schwankungen bei der Reizwahrnehmung das Auftreten von Entzugserscheinungen.

Wieso macht Alkohol psychisch abhängig?

Jeder Mensch hat das Bestreben, belastende Situationen zu vermeiden und gleichzeitig möglichst viele Glücksmomente zu erleben. Der sich verstärkende Alkoholgenuss und die davon ausgehenden Folgen im sozialen Leben sowie im Beruf sorgen jedoch dafür, dass die Zahl der anderweitig bewirkten Glücksmomente deutlich sinkt. Auch die Entspannungsfähigkeit durch Freizeitaktivitäten nimmt rapide ab. Um trotzdem das Gefühl der seelischen Balance zu haben, versuchen Betroffene, das entstandene Defizit durch einen stetig gesteigerten und häufigeren Genuss von Alkohol zu kompensieren.

Das Gefährliche daran ist, dass der Alkohol sofort für eine „Belohnung“ in Form einer Verbesserung der allgemeinen Stimmung sorgt. Damit bekommt der Trinker den subjektiven Eindruck, die Probleme gelöst zu haben. In der Entzugsphase realisieren die Betroffenen jedoch, dass das nicht so ist. Sie fallen in ein emotionales Tief, welches dafür sorgt, dass in immer kürzeren Abständen zum Alkohol gegriffen wird.