Entgiftung & Entzug

Zuerst einmal ist wissenswert, dass zwischen der eigentlichen Entgiftung und dem dauerhaften Entzug ein gewaltiger Unterschied besteht. Die Entgiftung erstreckt sich über einen relativ kurzen Zeitraum. Bei einer Alkoholintoxikation ist darunter der Abbau des Alkohols durch den Stoffwechsel zu verstehen. Die akute Phase der Entgiftung ist je nach erreichter Konzentration im Blut in einem bis drei Tagen abgeschlossen. Die Therapien für einen erfolgreichen Entzug erstrecken sich über Monate bis Jahre.

Wann ist eine Entgiftung notwendig?

Die Notwendigkeit einer stationären Entgiftung kann ab 2,0 Promille Blutalkohol notwendig werden. Ab dieser Konzentration drohen Bewusstlosigkeit sowie ein Schockzustand. Das heißt, Alkohol hat dann bereits ähnliche Auswirkungen wie ein klassisches Narkosemittel. Der Hauptgrund für den möglichen Schock ist der Flüssigkeitsverlust, der einen rapiden Abfall des Blutdrucks bewirkt, was durch die gefäßerweiternde Wirkung des Alkohols noch zusätzlich verstärkt wird.
Ab einer Blutalkoholkonzentration von 4,0 Promille droht ein Koma, welches durch den damit einhergehendenHerzstillstand und Atemstillstand zum Tod führen kann. Je nach Konstitution des Trinkers besteht dieses Risiko in vielen Fällen bereits ab einer Alkoholkonzentration von 3,0 Promille. Das Todesrisiko ist außerdem einer rasch fortschreitenden Unterkühlung geschuldet.

Wie läuft eine Entgiftung ab?

Eine Alkoholentgiftung wird immer stationär durchgeführt. Da die Betroffenen engmaschig überwacht werden müssen, findet sie in den meisten Fällen auf einer Intensivstation statt. Die Betroffenen müssen in der stabilen Seitenlage positioniert werden, um eine für die Lungenfunktion gefährliche Respiration von Erbrochenem zu verhindern. Um den Flüssigkeitsverlust zu kompensieren und den Abbau von Alkohol zu beschleunigen, werden bei der Entgiftung Glukoselösungen intravenös verabreicht.

Im Rahmen einer Entgiftung kommen verschiedene Medikamente zum Einsatz. Sie dienen zur Bekämpfung der dabei auftretenden Symptome. Bevorzugt handelt es sich um die Wirkstoffe der Benzodiazepine sowie Clomethiazol. Sind die Symptome bei einem Delirium tremens besonders stark ausgeprägt, kann auch die Gabe von Haloperidol zur Unterdrückung von Halluzinationen verabreicht werden. Da im letzten Stadium des Alkoholabbaus eine deutliche Zunahme des Blutdrucks auftritt, wird eventuell die ergänzende Gabe blutdrucksenkender Mittelnotwendig. Hier sind Wirkstoffe aus der Gruppe der Imidazoline stets die erste Wahl.

Die akute Entgiftung kann nur ein erster Schritt sein

An die Entgiftung sollten sich immer Therapien für eine dauerhafte Alkoholabstinenz anschließen, um der Notwendigkeit eines erneuten Entzugs vorzubeugen. Bei den Therapien werden verschiedene Maßnahmen miteinander gebündelt. Da durch den langfristigen Genuss die Bildung und Übertragung von Botenstoffen im Gehirn gestörtist, kann die begleitende Gabe von Medikamenten zur Unterdrückung der Entzugserscheinungen notwendig werden. Geeignete Präparate stehen mit den Wirkstoffen Acomprosat, Baclofen, Disulfiram und Naltrexon zur Verfügung. Als Unterstützung werden häufig auch Antidepressiva aus der Gruppe der Serotoninwiederaufnahmehemmer verabreicht. Sie bewirken eine ausgeglichene Stimmung, die wiederum die wichtigste Voraussetzung für eine dauerhafte Trockenheit ist.

Der erste Schritt ist die Suche nach den Ursachen der Alkoholsucht

Häufig erfordert das Aufspüren der Ursachen eine tiefenpsychologische Diagnostik, denn neben genetischen und sozialen Faktoren kommen auch psychologische Faktoren als Auslöser in Frage. Einen erheblichen Schwerpunkt machen hier unbewältigte Traumata aus. Hinzu kommen selbst bei den Eltern erlebte ambivalente Beziehungsmuster, die wiederum die eigene Fähigkeit zum Führen einer „normalen“ Partnerschaft beeinträchtigen.

Ein ebenfalls wichtiges Ursachenpaket ist die Stressbewältigung. Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich gezielt durch ihre Freizeitaktivitäten zu entspannen. Vielfach sorgen Mehrfachbelastungen dafür, dass überhaupt keine Freizeit mehr bleibt, die für eine aktive Entspannung genutzt werden kann. Traumata müssen für einen dauerhaften Entzug gezielt aufgearbeitet und die Stressbewältigung durch eine Änderung des Tagesablaufsverbessert werden.

Ergänzend sollte eine serologische Untersuchung erfolgen. Dabei können beispielsweise Fehlfunktionen der hormonellen Steuerung ausfindig gemacht werden. Eine Störung der Serotoninausschüttung sowie Fehlfunktionen der Schilddrüse kämen als Ursachen einer Alkoholkrankheit in Frage. Beides beeinflusst die Stimmungslage des Menschen und lässt sich durch moderne Medikamente sehr gut behandeln.

Welche Rolle spielen kognitive Strategien beim dauerhaften Entzug?

Kognitive Therapien werden im Volksmund auch Verhaltenstherapien genannt. Hier geht es in erster Linie um dasErlernen der Ablehnung von Alkohol, denn wer einmal alkoholabhängig war, bleibt ein Leben lang gefährdet. Außerdem müssen die Betroffenen lernen, anhand welcher Kriterien sie Situationen erkennen können, in denen sie zuvor bevorzugt zum Alkohol gegriffen haben. Dabei werden einerseits Strategien zum Vermeiden und andererseits Verhaltensweisen zum optimalen Umgang mit solchen Situationen vermittelt.

Ein weiterer Schwerpunkt bei den Entzugstherapien ist die kognitive Umstrukturierung. Dabei steht die Prüfung und Veränderung der Erwartungen an sich selbst und das Umfeld im Vordergrund. Auf diese Weise lassen sich Enttäuschungen vermeiden, von denen ein hohes Risiko für einen Rückfall in die Alkoholsucht ausgeht. Dazu trägt außerdem das Erlernen von Entspannungstechniken (zum Beispiel des Autogenen Trainings) bei. Da eine Alkoholkrankheit auch mit einem sozialen Rückzug verbunden ist, beinhaltet die Therapie außerdem denWiederaufbau sozialer Kontakte. An dieser Stelle kommt den Selbsthilfegruppen eine große Bedeutung zu.

Ergänzend notwendig: Vermittlung von Lebensmittelkenntnissen

Die Besonderheit bei einer Alkoholsucht besteht darin, dass schon der Kontakt mit geringen Mengen den Suchtkreislauf erneut starten kann. Deshalb müssen sich künftige Ex-Alkoholiker auch damit beschäftigen, in welchen Lebensmitteln Alkohol als Geschmacksverstärker oder Konservierungsmittel verwendet wird. Das ist bei wesentlich mehr Lebensmitteln der Fall, als der Laie vermuten würde. Außerdem ist Vorsicht beim Umgang mit Medikamenten geboten, weshalb Hinweise auf die dort bestehenden Risiken ebenfalls zum Lernstoff einer Entzugstherapie gehören müssen.