Delirium

Der Begriff Delirium wurde vom lateinischen „de-lirare“ abgeleitet, der dort als Bezeichnung für den Zustand der Verwirrtheit verwendet wird. Die auch kurz Delir genannten Symptome wurden als Krankheitsbild im ICD-10-Standard der WHO mit der Kennung F10.4 erfasst. In der Medizin wird das Delir (beispielsweise von Karl Bonhoeffer) zu den so genannten Durchgangssyndromen gerechnet. Ihre markanten Kennzeichen sind, dass sie sich in einem überschaubaren Zeitraum zurückbilden und keine Eintrübungen des Bewusstseins mit sich bringen. Geht ein Alkoholrausch mit Bewusstseinstrübungen einher, ist die Grenze zur pathologisch relevanten Alkoholvergiftung überschritten.

Welche Symptome treten bei einem Delirium auf?

Das Delirium im Anfangsstadium wird im ICD-10-Standard mit Störungen der Motorik beschrieben. Dazu kommen Störungen der Aufmerksamkeit sowie der Orientierungsfähigkeit. Außerdem treten Gedächtnisstörungen auf. In den Beschreibungen der Mediziner (beispielsweise Lipowski 1990) werden jedoch noch weitere Symptome benannt, die im Zusammenhang mit einem alkoholbedingten Delirium auftreten. Dazu zählen eine Beeinträchtigung der Kognition sowie des abstrakten Denkvermögens.

Was kennzeichnet ein voll ausgeprägtes Delirium?

Hat ein Alkoholabhängiger das fortgeschrittene Stadium eines Deliriums erreicht, kommen affektive Störungen hinzu. Sie äußern sich in Depressionen oder Euphorie. Möglich ist auch ein steter Wechsel zwischen beiden Zuständen, sodass bei der Diagnostik die Gefahr einer Verwechslung mit den Symptomen einer bipolaren Störung besteht. Zu den markanten Kennzeichen eines fortgeschrittenen Delirs gehören außerdem eine verstärkte Reizbarkeit und eine überdurchschnittlich ausgeprägte Unruhe, die vom Mediziner als gesteigerte Agitation bezeichnet wird.

Woher kommen die „weißen Mäuse“ beim Delirium?

Ein fortgeschrittenes Delir bewirkt außerdem Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, die nur in ihrem Kopf entstehenden Bilder und Geräusche von der Realität zu unterscheiden. In dieser Phase besteht das Risiko einer Verwechslung mit den Leitsymptomen einer Schizophrenie, weshalb serologische Untersuchungen in die Diagnostik immer mit einbezogen werden müssen. Die Diagnostik der Leberwerte kann einen regelmäßigen Alkoholgenuss zweifelsfrei belegen.

Wie wird das Delirium tremens behandelt?

Als Delirium tremens bezeichnen die Mediziner ein ausschließlich durch Alkohol ausgelöstes Delir. Die wichtigste Therapie ist eine vollständige Ausnüchterung, die in der Fachsprache auch Entgiftung genannt wird. Die dabei auftretenden Entzugserscheinungen werden durch die Gabe von Clomethiazol unterdrückt. Der Wirkstoff zählt sich zur Gruppe der Psychopharmaka und besitzt selbst ein hohes Potential für die Entwicklung einer Abhängigkeit. Deshalb darf er nur kurzzeitig in der Akutphase verabreicht werden. In Deutschland ist die Gabe von Clomethiazol nur bei der stationären Behandlung zulässig. Da dieser Wirkstoff stark sedierend wirkt, ist eine lückenlose Überwachung der Patienten notwendig, die bei einem Delirium tremens damit behandelt werden. Vor allem der Kontrolle der Atemtätigkeit kommt dabei eine große Bedeutung zu.

Eine Alternative zur Behandlung bei einem Delirium tremens stellen die Benzodiazepine dar. Sie wirken ebenfalls sedierend und angstlösend. Außerdem weisen sie eine hypnotische Wirkung auf, mit denen die bei einem Alkoholdelir auftretenden Wahnvorstellungen durch eine Förderung des Einschlafens unterdrückt werden können. Ein erheblicher Nachteil der Benzodiazepine ist die Tatsache, dass auch hier eine schnelle Abhängigkeit entwickelt werden kann. Die meisten Präparate mit Benzodiazepinen fallen deshalb in Deutschland unter den Geltungsbereich des Betäubungsmittelgesetzes.

Warum können Symptome des Deliriums dauerhaft bleiben?

Die toxische Wirkung von Alkohol verursacht nicht nur einen direkten Untergang von Hirnzellen. Tatsächlich schädigt Alkohol auch die Myelinscheiden und Axome der Hirnzellen. Sie sind für die Weiterleitung von Erregungssignalen verantwortlich. Dadurch wird die Verarbeitung der vom gesamten Körper an die Hirnzellen gesendeten Signale gehemmt. Aktuell gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Untergang der Myelinscheiden eine Konsequenz fehlender Vitamine ist.

Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Vitamine der B-Gruppe. Sie können durch die vom Alkohol verursachten Schäden am Verdauungstrakt nicht mehr in ausreichenden Mengen resorbiert werden.

Welche Symptome des Deliriums können chronisch werden?

Zu den möglichen dauerhaften Folgen eines Delirium tremens zählt das Wernicke-Korsakow-Syndrom. Es kennzeichnet sich organisch durch Wucherungen und punktförmige Blutungen an den Gefäßwänden der Zellen. Sie finden sich vor allem in einem Teil des Ventrikelsystems des Hirns, welches der Mediziner Aquaeductus mesencephali nennt. Die wichtigste Ursache ist ein Thiamin-Mangel.

Zur Palette der Symptome eines Wernicke-Korsakow-Syndroms gehören eine anterograde und retrograde Amnesie. Das heißt, dass die Gedächtnisfunktion massiv beeinträchtigt ist. Die Betroffenen versuchen, diese Lücken mit erfundenen Geschichten zu füllen. Dieser Versuch einer Kompensation wird in der Medizin Konfabulation genannt.

Welche weiteren Spätfolgen kann ein Delirium tremens haben?

Mit großer Häufigkeit kommt es bei einem Delirium tremens zur Ausbildung einer Pellagra. Diese Erkrankung entsteht ebenfalls durch den alkoholbedingten Mangel an B-Vitaminen. In diesem Fall ist ein Mangel an Nicotinsäure verantwortlich. Die Symptome einer Pellagra umfassen chronischen Durchfall sowie eine Dermatitis. Außerdem können alle klassischen Symptome einer Demenz auftreten. Oft werden auch ein Tremor, dauerhafte Müdigkeit sowie Glieder- und Kopfschmerzen beobachtet. Unbehandelt kann Pellagra binnen kurzer Zeit zum Tod führen.

Hepatozerebrale Degeneration als Folge des Deliriums

Eine Folge der vom Alkohol verursachten Leberschäden ist die geminderte Fähigkeit der Ausscheidung von Giftstoffen. Dadurch steigt die Konzentration von Ammoniak im Stoffwechsel. Ammoniak und andere Giftstoffeschädigen die Hirnzellen bis hin zum Untergang.

Die Konsequenz sind massive Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit. Auch Störungen der Grob- und Feinmotorik gehören zu den Symptomen einer Hepatozerebralen Degeneration.