Baclofen gegen Alkoholsucht

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Alkoholismus zählt zu den schwersten Formen der Suchterkrankung. Er wirkt sich langfristig nicht nur auf den Körper, sondern auch auf die Psyche aus. Die Aussichtslosigkeit, die viele Betroffene empfinden, äußert sich vielfach in Form von Ängsten und Depressionen.

Die Behandlung von Alkoholerkrankungen ist gut erforscht. In der Regel wird eine stationäre Therapie für den Entzug vom Alkohol vorgeschlagen. Vielfach nehmen betroffene Patienten zusätzlich eine Psychotherapie in Anspruch, um im Sinne einer Nachsorge die erforderliche Abstinenz stabilisieren zu lernen.

Ein Großteil der alkoholabhängigen Menschen hat mehr als einen Entzug hinter sich. Die Rückfallquote ist ausgesprochen hoch. Etwa die Hälfte aller Patienten, die eine stationäre Therapie durchgeführt haben, erlebt einen Rückfall innerhalb von maximal 24 Monaten nach Abschluss der Behandlung. Bei Betroffenen, die ambulant therapiert wurden, liegt diese Quote sogar bei 60 Prozent im gleichen Zeitraum.

In den letzten Jahren macht ein Medikament von sich reden, das ursprünglich gar nicht im Zusammenhang mit einer Alkoholerkrankung entwickelt wurde. Durch den Selbsterfahrungsbericht des französischen Kardiologen Olivier Ameisen rückte der Arzneistoff Baclofen gegen Alkoholabhängigkeit in den Fokus der medizinischen Fachwelt. Der Arzt hatte bereits zahlreiche Entzugsversuche erfolglos hinter sich gebracht und gab an, seinen Alkoholismus durch Baclofen vollständig überwunden zu haben.

Der Wirkstoff Baclofen

baclofenDas Medikament wurde ursprünglich zur Behandlung von erhöhter Muskelspannung entwickelt. In diesem Sinne ist es ein sogenanntes Myotonolytikum, das bei Erkrankungen verwendet wird, die mit einer gelegentlichen oder regelmäßigen muskulären Spastik einhergehen, beispielsweise Epilepsie, Multiple Sklerose oder Zerebralparese. Das Mittel ermöglicht eine Erschlaffung der übermäßig angespannten Muskulatur und lindert auf diese Weise die Spastik. Für den genannten Zweck ist Baclofen in Deutschland zugelassen und wird entsprechend regelmäßig verordnet.

Die Arznei wurde erstmals im Jahr 1962 bei Epilepsie eingesetzt. Seit 1972 wird sie für die Behandlung von Multipler Sklerose und verletzungsbedingten Spastiken genutzt. Zum aktuellen Zeitpunkt wird das Medikament nahezu ausschließlich bei den beiden letztgenannten Erkrankungen angewendet.

Eine offizielle Zulassung für andere Krankheiten besteht derzeit in Deutschland nicht.

Baclofen als Arzneimittel bei Alkoholismus

Der Arzt Dr. Olivier Ameisen hatte im Jahr 1997 seine ärztliche Tätigkeit aufgegeben. Ursache hierfür war das Ausmaß seiner Abhängigkeit vom Alkohol. Er nutzte seine medizinischen Fachkenntnisse, um sich der Selbsttherapie zu widmen. In diesem Kontext verordnete sich der Mediziner in einem sogenannten Off-Label-Gebrauch, einer Anwendung außerhalb des Zulassungsbereichs, den Wirkstoff Baclofen. Der Selbstversuch mit hoch dosierter Wirkstoffgabe führte nach eigenen Angaben zur vollständigen Gesundung. Dr. Ameisen publizierte sein Behandlungsergebnis und sorgte auf diese Weise für ein größeres Interesse in der Fachwelt.

Hinsichtlich der Wirkweise soll Baclofen in der Lage sein, vor allem im frühen Stadium einer Alkoholsucht die sogenannten Schlüsselreize zu hemmen, die bei der Einnahme von Suchtmitteln eine wesentliche Rolle spielen. Der damit verbundene typische Suchtdruck sinkt, und der Patient fühlt sich nicht mehr permanent durch Alkohol getriggert. Das Verlangen nach Alkohol verschwindet und ermöglicht im Idealfall eine dauerhafte Abstinenz.

Aktueller Forschungsstand zu Baclofen

Mediziner der Berliner Charité-Klinik haben zur Wirkung von Baclofen bei Suchterkrankungen eine Studie mit 43 Patienten durchgeführt, die bei Studienbeginn bereits wenige Wochen trocken waren. Es ist ihnen gelungen nachzuweisen, dass der Wirkstoff Baclofen die Abstinenz während einer Therapie aufrechterhalten kann.

Die Hälfte der Probanden (22 Patienten) erhielt für einen Zeitraum von drei Monaten Baclofen, die andere Hälfte (21 Patienten) ein wirkstoffloses Placebo. Von der Gruppe, die das Medikament eingenommen hatte, blieben 15 Personen während der Wirkstoffeinnahme trocken. Bei der Placebo-Gruppe gelang dies lediglich bei fünf Patienten.

In Frankreich wurde Baclofen gegen Alkoholabhängigkeit bereits im Jahr 2014 offiziell für die Behandlung von Suchtkrankheiten zugelassen. Die Zulassung ist jedoch derzeit nur eine vorläufige, bis der therapeutische Erfolg durch langfristige Studien hinreichend belegt ist.

Eine Anzahl von über 100.000 Patienten hat das Medikament in Frankreich bereits erhalten. Ursache für die Freigabe waren nachhaltige Forderungen von betroffenen Patienten und behandelnden Ärzten.

Kritische Stimmen

Baclofen wird von Suchtmedizinern unterschiedlich bewertet. Neben den sich mehrenden Stimmen, die den bereits nachgewiesenen Nutzen für Betroffene in den Vordergrund stellen, gibt es auch Skepsis.

Drei Faktoren werden im Umgang mit dem Medikament als problematisch genannt.

1. Gefahr des gezielten Trinkens

Manche Patienten geben an, mit Baclofen sei ein gemäßigter Alkoholgenuss möglich, da das „Craving“, das suchtartige Verlangen nach mehr Alkohol, entfalle. Dies widerspricht jedoch einem sinnvollen Umgang mit der Suchterkrankung Alkoholismus, die eine lebenslange Abstinenz im Fokus hat.

2. Potenzielle Nebenwirkungen bei langfristiger Einnahme

Baclofen ist kein Medikament, das für eine kurzfristige Einnahme gedacht ist. Versuche, die Arznei nach einer längeren Zeit der Abstinenz abzusetzen, führten zu einem erneuten Aufflammen des Cravings. Aufgrund der erforderlichen Hochdosierung sind die Nebenwirkungen bei langfristiger Einnahme noch nicht abzusehen.

3. Ersatz für eine Therapie

Patienten lernen durch eine Pille nicht den Umgang mit ihrer Erkrankung und könnten sie als Ersatz für den Alkohol nutzen.

Die Rechtslage in Deutschland

In Deutschland ist Baclofen aktuell noch nicht für die Behandlung von Alkoholismus zugelassen. Grund dafür ist die bislang zu geringe Anzahl von entsprechenden Studien. Die Untersuchung der Charité umfasst lediglich 43 Probanden. Diese Anzahl ist für die Zulassungsbehörde zu gering, um eine ausreichende Aussagekraft zum Erfolg des Medikamentes bei einer Alkoholsucht ableiten zu können.

Die Pharmaindustrie, die normalerweise komplexe und groß angelegte Studien finanziert, ist am Wirkstoff Baclofen nicht interessiert. Das liegt am sogenannten Patentschutz, der bereits abgelaufen ist und den möglichen finanziellen Umsatz erheblich minimiert.

Die Verordnung durch einen behandelnden Facharzt ist in Deutschland dennoch nicht ausdrücklich verboten. Eine kleine Anzahl von Ärzten arbeitet bereits mit Baclofen und begibt sich damit in eine rechtliche Grauzone. Sie muss die Patienten persönlich und bis ins kleinste Detail über die Nebenwirkungen des Medikamentes aufklären und kann sich dabei nicht auf eine Pharmafirma berufen.

Die verschreibenden Ärzte sind in der Regel davon überzeugt, dass der gesundheitliche Nutzen für den Patienten größer ist, als die Zerstörung, die der Alkohol im Körper anrichtet.

Derzeit gibt es keinen Termin für eine offizielle Zulassung von Baclofen gegen Alkoholsucht in Deutschland. Eine Off-Label-Verschreibung von Fachärzten ist in Einzelfällen möglich.


Quellen und Informationen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Baclofenhttps://de.wikipedia.org/wiki/Baclofen

 

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